Diebe der Zeit

Mittlerweile leben wir in einer Welt, in der für jeden nur die eigene Zeit eine Bedeutung hat. Andere Menschen hingegen werden wie Objekte behandelt, die man, je nach Bedarf, aus dem Schrank holen kann. In der virtuellen Welt, die als Puffer oder als Diaphragma dient, ist dies noch viel stärker zu beobachten.

Interessengruppen

Nachdem ich mich vor ein paar Jahren wieder mehr sozialen Netzwerken öffnete, ist dieser Trend bei mir seit 2021 rückläufig und ich gehe diesen Weg auch 2022 in kleinen Schritten konsequent weiter.

Doch warum überhaupt die Aktivität bzw. Observierung auf entsprechenden Seiten? Das hat vor allem drei Gründe.

  1. Ich beobachte gerne Menschen, um zu sehen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Zugegebenermaßen ist das ein Teil, der mich zunehmend nervt. Fast niemand zeigt, wer er wirklich ist. Selbst wenn, dann entpuppt sich die „Persönlichkeit“ als eine Hülle, die mit Belanglosigkeiten gefüllt wurde.
  2. Da ich auch Medien und Nachrichtendienste immer mehr meide, ist dies eine Möglichkeit, mitzubekommen, was in der Welt los ist. Vor allem in Kombination mit Punkt 1. Massenmedien sind zunehmend Meinungsmacher, welche Nachrichten durch Verfälschung und weglassen von Informationen manipulieren. Und so kann ich zumindest zeitweise die Auswirkungen beobachten.
  3. Kontakte zu Menschen mit ähnlichen Interessen, wobei es mir bei „Kontakten“ vor allem darum geht, Wissen und neue Perspektiven zu gewissen Themen zu erlangen. In den letzten Jahren waren meine Hauptthemen Schach und Spieleentwicklung, also trieb ich mich vorwiegend in diesen Bereichen herum. Bei dieser Gelegenheit mache ich vereinzelt auf eigene Projekte aufmerksam, versuche jedoch nie, aufdringlich zu sein.

Derzeit beschränken sich meine Aktivitäten auf den Twitter-Account von Bytegame.de sowie zwei Facebook-Seiten. Und auch die Real-Live-Kontakte habe ich wieder massiv reduziert. Den LinkedIn-Account nutze ich fast ausschließlich beruflich.

„He, sach mal…“

Meinen persönlichen Twitter-Account habe ich mittlerweile, nach vier Jahren, gelöscht. Ich sah es lediglich als Experiment an, am Ende hat es mich nur noch genervt. Einerseits, weil mich die meisten Meinungen der Leute, denen ich folgte, nicht interessierte oder langweilten. Andererseits wegen diverser Kontaktaufnahmen, die völlig im Sande verliefen. Damit meine ich weder Bots noch die typischen Betrüger, sondern echte, normale Menschen.

Die Sache erfolgte meistens so: Jemand kontaktierte mich zu einem der o. g. Themen. „Ich würde gerne mit Dir darüber reden“, „Lass uns mal über das Thema skypen“ und sogar eine Anfrage bezüglich Interview zu meiner Schach-KI war dabei. I. d. R. reagiere ich binnen 24 Stunden, teilweise nach wenigen Minuten. Und dann? Man hört nie wieder etwas von den Leuten – oder erst Monate später.

Das ist nicht nur bei fremden Menschen der Fall. Selbst im privaten Umfeld kommen Nachrichten wie: „Möglicherweise habe ich am Wochenende Zeit, damit wir reden können. Ich melde mich.“ In der darauffolgenden Woche kommt die – eigentlich überflüssige – Info, dass es mal wieder nicht geklappt hat.

Du bist nur das Objekt!

Was bleibt, ist ein ziemlich mieses Gefühl. Als wolle die Person sagen, dass man höchstens dann von Interesse sei, wenn sonst nichts mehr zu tun ist, was einen vom drögen Dasein ablenken könnte.

„Nachdem ich die Wäsche gebügelt, die Wohnung gereinigt, alle Bücher gelesen, Filme und Serien angeschaut habe und selbst die letzten Krümel aus der Sofaritze gesaugt habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Zeit für dich zu opfern, bevor ich mir vor Langeweile die Pulsadern aufschneide.“

Nicht falsch verstehen: Mir geht es nicht darum, wichtiger zu sein als die Krümel im Sofa, sondern schlicht um den Respekt als Mensch. Doch dies scheint, zu viel verlangt zu sein. Es macht den Eindruck, als würde man sich mit Menschen nur abgeben, weil Chatbots unzureichend sind. Und so kann man einfach jeden im Internet anschreiben, irgendjemand wird schon reagieren. Tatsächlich geht es aber nicht um die Person, nicht um das Thema, sondern schlicht darum, die Unerträglichkeit des Seins mit bedeutungslosen Kontakten zu kaschieren.

Die andere Seite

Mittlerweile kommt es fast nicht mehr vor, aber gelegentlich habe auch ich Personen kontaktiert. Entweder, weil ich zu gewissen Themen konkrete Fragen hatte, oder weil es um ein Interview ging. Eine Zeit lang machte das sogar Spaß. Doch es zeigte sich der Trend, dass selbst Spieleentwickler, deren Games nicht einmal zehn Leute spielen, kein wirkliches Interesse haben, in einem Interview über ihr Werk zu reden. Und so kommt es, dass man wie ein Idiot immer wieder nachfragt, um jede noch so kurze und inhaltlose Antwort betteln muss.

Tiefpunkt war der Versuch, mit einer etwas bekannteren, ehemaligen amerikanischen Spieleentwicklerin ein Interview zu führen. Das Thema war brisant, die Person höchst polarisierend. Nach meiner Anfrage erhielt ich in kürzester Zeit eine Zusage. Die ersten Fragen wurden gestellt, die Antworten trudelten ein. Irgendwann blieben die Nachrichten aus. Ich wartete, stupfte an und nach rund drei Wochen fragte ich konkret, was los ist. Antwort: „Sorry, ich habe keine Zeit!“ Kann passieren. Es ist nur etwas unglaubwürdig, wenn alleine auf Twitter täglich 60-100 Tweets abgesetzt werden, von denen es in mindestens zehn darum geht, was die Katze gerade macht. Das war mein letzter Versuch, ein Interview zu führen.

Zu viel verlangt

Entschuldigungen darf man nicht erwarten. Im günstigsten Fall kommt nach Monaten ein Lebenszeichen, welches daraus besteht, dass man keine Zeit hatte. Wie lange dauert es, zu schreiben, dass man einiges um die Ohren hat? Dreißig Sekunden? Offenbar ist das schon zu viel verlangt.

Das ist die Konsequenz, wenn als Menschen Objekte gesehen werden. Man entschuldigt sich auch nicht beim Dosenöffner, ihn so lange nicht benutzt zu haben.

Mir zeigt es – wie so oft – dass wir in einer Welt völliger Entfremdung leben. Es zählt lediglich der persönliche Vorteil oder Zeitvertreib. Menschen werden ausschließlich daran gemessen, ob das Netzwerken mit ihnen Nutzen bringt oder sie zumindest einen ausreichenden Unterhaltungswert besitzen. Auf mich trifft beides nicht zu, zumal ich mich bewusst von Netzwerken fernhalte. Selbst beruflich verfüge ich, wenn überhaupt, trotz Erfahrungen und Expertise, über eine winzige Zahl von richtigen Kontakten.

Der Trend

Derzeit läuft es darauf hinaus, dass ich mich auf wenige Themen fokussiere, Kontakte aber vermehrt meide. Es kostet Zeit, Nerven und in den meisten Fällen führt es zu Enttäuschungen.

Hinzu kommt der wachsende Hass der Menschen. Ich gewinne den Eindruck, dass man zunehmend an politischer Meinung, Impfstatus und anderen sekundären „Merkmalen“ gemessen wird. Dass Kommunikation vermehrt als Kampf angesehen wird. Immer weniger geht es um wirkliche Informationen und den Austausch von Perspektiven, sondern darum, Möglichkeiten zu finden, Menschen anzugreifen, um für den eigenen Lebensfrust ein Ventil zu schaffen. Und wenn das nicht gelingt, oder selbst wenn es gelingt, wird die andere Person irgendwann ignoriert oder gar geblockt.

Die exzessive Nutzung der Blockfunktion ist womöglich der beste Indikator dafür, wie sehr wir Menschen wie Objekte behandeln. Es ist der Mülleimer der digitalen Welt, durch den wir uns keinerlei Gedanken über Empfindungen Anderer machen müssen.