Texte für Maschinen

Hätte mir jemand Anfang der 1990er Jahre gesagt, dass man dreißig Jahre später Texte nicht mehr für Menschen, sondern Maschinen schreibt, hätte ich ihn mit Sicherheit ausgelacht. 2022 ist es schon lange Realität. Wir verfassen Online-Artikel für Suchmaschinen, nicht für echte Leser.

Warum ich Texte schreibe?

Hier muss ich zwischen privat und Beruf unterscheiden. Bei meiner Arbeit geht es vor allem darum, Informationen zu vermitteln. Das darf fraglos einen Unterhaltungswert haben, aber im Kern geht es im Wissen.

Privat ist das Feld durchaus komplexer. Hier sind die meisten meiner Texte oft informativ, beinhalten aber auch Kurzgeschichten, unterhaltsame Ideen, Gedichte oder Tutorials. Die Motivation besteht nicht aus Reichweite und Klicks. Es geht eher darum, irgendwann einem inneren Zwang nachgeben zu müssen. So etwa mit diesem Artikel, den ich schon lange im Sinn hatte.

Bei Tutorials stelle ich mir eine Person oder eine kleine Gruppe vor, die ich „bedienen“ möchte. Ob es tatsächlich gelesen oder gar verstanden wird, ist für mich nebensächlich. Ich verkaufe nichts, mache keine Werbung (auf einer meiner Seiten war dies lediglich ein Experiment) und auch sonst habe ich keinerlei Ambitionen zur Verbreitung. Das gilt mittlerweile für alles, was ich privat tue. Die „Produkte“ (Texte, Spiele etc.) sind als Service zu sehen. Nimm es, hab Spaß und wenn Du keinen hast, tut es mir leid, Deine Zeit verschwendet zu haben. Deine Meinung dazu, egal ob positiv oder negativ, interessiert mich nicht; außer die bringt mich inhaltlich weiter.

Der heutige Stand

Aber nun zur Sache: Wie hat sich das Schreiben verändert? Während man früher seine Idee herunter tippte, um sie anschließend in Form zu bringen, stehen heute drei Buchstaben über allem: SEO! „Search engine optimization“ ist online das A und O, wird selbst in Stellenbeschreibungen so gefordert. Das Themenfeld ist dabei äußerst komplex und wirkt sich langsam aber sicher immer mehr auf meinen beruflichen Alltag aus.

Doch was verbirgt sich dahinter? Vereinfacht gesagt geht es darum, Texte so zu schreiben, dass sie von Suchmaschinen möglichst wohlwollend aufgenommen und entsprechend positioniert werden. Mit Suchmaschinen meint man Google, Bing bspw. ist nur interessant, wenn Google eine Woche Urlaub macht – also nie.

Wer mit WordPress arbeitet, nutzt üblicherweise Yoast SEO. Das Tool und seine Anhängsel geben jedem Text zwei Bewertungen: SEO-Wert und Lesbarkeitsbewertung.

Ich handhabe es so, dass ich auf beide Werte mehr oder weniger scheiße. Manchmal, bei für mich eher unwichtigen Wortansammlungen, versuche ich aus sportlicher Absicht grüne Bewertungen zu erreichen, aber bei rund 95 % meiner Texte schaffe ich das nicht. Doch was verbirgt sich dahinter?

Lesbarkeitsbewertung

Hier sagt mir ein Programm, wie gut die Texte für Menschen lesbar sind. Das hat, in gewissen Grenzen, durchaus seinen Sinn. Yoast SEO achtet dabei nicht auf die Rechtschreibung, sondern eher auf Werte wie Satzlänge, Absatzlänge, Zwischenüberschriften etc. Die Texte von Dostojewski wären allesamt durchgefallen. Wer sich gedankenlos an die Vorgaben hält, nur damit alles im grünen Bereich ist, läuft Gefahr, den eigentlichen Inhalt total zu verwässern.

Geprüft wird u. a. die Lesefreundlichkeit. In bester Absicht entwickelt mag dies bei Texten wie diesen positiv ausfallen, aber bei Fachartikeln? Wenn ich über Chemie, Elektrochemie oder Mikroprozessoren schreibe, benötige ich Fachbegriffe und teils längere Sätze. Sollte der Inhalt einen gewissen fachlichen Anspruch erfüllen, schmiert die Lesefreundlichkeit total ab.

Passive Sätze und die Anzahl von Bindewörtern sind ebenfalls Parameter, die man mehr oder minder in die Tonne treten kann. Dem Fass den Boden schlägt aber die Bewertung „aufeinanderfolgende Sätze“ aus, die mit demselben Wort beginnen. Theoretisch eine gute Idee, praktisch jedoch sehr unpraktisch, da Aufzählungen, etwa weiterführende Links einer Serie, die Lesefreundlichkeit des ganzen Artikels ruinieren können.

Diese und weitere Parameter machen den Autor zur Geißel der Algorithmen. Leuten, die nicht viel schreiben, mag das hier und da helfen. Kann ich aus einem Block mehrere Absätze machen? Sind Zwischenüberschriften an bestimmten Stellen nützlich? Muss der Satz so lang sein? Wichtige Fragen, aber am Ende führt es gerne dazu, dass wir Texte verstümmeln, damit mir das Tool endlich einen grünen Punkt anzeigt. Schließlich wollen wir ja alle eine gute Bewertung, oder?

SEO-Wert

Das hat ganz klar der Teufel erfunden. Oder diejenigen, die damit Geld verdienen. Manches Mal fragt man sich, warum viele Texte im Internet klingen, als wären sie für Idioten gedacht. Hier drin liegt eine der Ursachen.

Eines meiner Lieblingsmeldungen:

Weder deine Keyphrase noch deren Synonyme kommen im ersten Absatz vor.

Gefolgt von:

Die Keyphrase wurde 1 Mal gefunden. Das ist weniger als das empfohlene Minimum von 11 Mal für einen Text dieser Länge. Konzentriere dich auf deine Keyphrase!

Ja, fick dich! Im Kern geht es darum, dass Begriffe, unter denen man gefunden werden will, möglichst oft und zudem an bestimmten Stellen auftauchen. Überschrift, erster Absatz und dann, je nach Textlänge, rund ein Dutzend Mal. Das stört m. M. n. nicht nur den Lesefluss, sondern ließt sich in der Praxis wie für Idioten geschrieben, weil die Begriffe unnatürlich oft wiederholt werden, statt sie zu beschreiben oder Synonyme zu verwenden.

Keyphrase in Zwischenüberschriften: Verwende mehr Keyphrasen und Synonyme in deinen hierarchische höheren Zwischenüberschriften!

Ja ne, ist klar. Es reicht nicht aus, die Begriffe im Text zu verteilen wie ein Hase seine Kötel, sie müssen natürlich noch in die Zwischenüberschriften. Und wie lautet das Synonym für „6502“ Prozessor?

Hinzu kommen Parameter wie die Länge des Titels, ausgehende Links, Bilder, Alt-Attribute für Bilder, interne Links, Meta-Beschreibung und deren Länge, generelle Textlänge u. s. w. Wenn man Pech hat, arbeitet man an der Suchmaschinenoptimierung länger als am eigentlichen Text. Und lohnt sich der Aufwand? Manchmal ja.

Meine Praxis

Bei der Lesefreundlichkeit achte ich vor allem auf didaktische Aspekte, vorwiegend bei Online-Kursen. Das hat nichts mit Suchmaschinen zu tun, sondern mit Menschen und der Frage, wie man Texte so aufbaut, dass sie von Lernenden gut verstanden werden. Hier kann es durchaus sein, dass ich ein oder zwei Wochen nur an solchen Dingen arbeite. Das gehört zum Beruf.

In der Freizeit sieht es anders aus. Ich schreibe einen, mal mehr, mal weniger langen Text und überarbeite ihn mehrfach. Dabei geht es vor allem darum, dass er meiner Meinung nach angenehmer zu lesen ist und keine relevanten Informationen fehlen. Anschließend wird der Text in WordPress kopiert und Yoast SEO sagt mir, wie mies ich bin. Was dann?

Sollten sich zu lange Sätze darin befinden, werden sie teilweise gekürzt. Mehr Absätze kommen rein, gelegentlich Zwischenüberschriften. Externe und interne Links nur, wenn sie sinnvoll sind. Und Bilder kommen nur rein, wenn ich der Meinung bin, dass sie den Text unterstützen. Dann klopfe ich noch Fokus-Keyphrase und Meta-Beschreibung rein, weil das schnell gemacht ist. Schlagwörter nutze ich nur auf einer meinen Seiten. Der Rest ist mir egal.

Das manche Texte dennoch gut bei Google gerankt sind, ist dann eher Zufall. Und ja, gelegentlich werden Artikel von mir auch gut bewertet, aber das ist ebenfalls Zufall bzw. nicht beabsichtigt.

Sinn und Unsinn

Ketzerisch, und womöglich großkotzig, könnte man sagen, dass nur Menschen SEO-Texte schreiben, die nicht schreiben können. Das ist natürlich quatsch. Ich rege mich gerne darüber auf, hasse die binären Bewertungen solcher Texte, verstehe aber durchaus den Sinn.

Es gibt Milliarden von Webseiten und relevant sind höchstens die ersten 10, die bei einem Suchbegriff bei Google auftauchen. Bei Unternehmen hängt das Überleben oft von der Position ab. Man braucht Besucher, damit man über Werbung oder Produktverkauf Geld verdienen kann. Besonders Online-Magazine haben es schwer, da kaum jemand für ein neues Magazin Geld ausgeben will. Abo-Modelle funktionieren, wenn überhaupt, nur bei etablierten Anbietern. Der Rest geht total baden. Oder, wie mir kürzlich ein selbsternannter Experte sagte: „Mehr als 90 % der Online-Shops rentieren sich nicht.“

Manchmal frage ich mich, was für eine Welt wir da eigentlich erschaffen haben. Auf meine persönliche Rolle oder Situation gehe ich bei den Überlegungen schon gar nicht mehr ein, weil dies völlig irrelevant ist. Von den ganzen Seiten, die ich betreibe, haben zwei eine etwas größere Reichweite. Sie weiter zu optimieren ist relativ sinnfrei. Die eine befasst sich mit Hobbyspieleentwicklung. Der Inhalt ist ziemlich einzigartig, die Zielgruppe in etwa so unbedeutend klein wie ein Reiskorn im Ozean. Die andere Seite hat mit Schach zu tun. Da könnte ich mehr machen, aber hier ist die Zielgruppe relativ klein und die Konkurrenz enorm hoch. Und letztlich ist es ja nur Hobby.