In 30 Minuten integriert

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Kollegen über Integration in Deutschland. Migranten, die Integrationskurse absolvieren, werden allerlei Dinge beigebracht. Die Kurse gehen mehrere Tage oder Wochen. Das geht kürzer. Nachfolgend liste ich die wichtigsten Punkte auf, um sich binnen 30 Minuten nahezu perfekt in der Bundesrepublik zu integrieren.

Was ist Deutschland?

Eigentlich ist es egal, wo du herkommst. Ob Asien, Afrika oder einem anderen europäischen Land: Vieles an Deutschland wird dir seltsam vorkommen. Die Nachfahren der Germanen sind ein komisches Volk. Sie fühlen sich sprachlich und kulturell verbunden, aber beides stimmt nicht. Die hier hoch gelobte deutsche Leitkultur existiert nicht. Bei genauer Betrachtung versteht der Bayer den Norddeutschen nicht und der Sachse nicht den Hessen. Die Bundesländer können sich untereinander nicht leiden, sind regelrecht verfeindet, aber eines eint sie immer: der Feind von Außen.

Vor 1000 Jahren waren es die Hunnen, später die Franzosen, Engländer, Russen und heute der Migrant, also du. Deutsche können sich kaum auf die Farbe von Katzenpisse festlegen, aber wenn sie eine Gefahr von Außen wittern, sind sie ein Herz und eine Seele. »Einigkeit und Recht und Freiheit«, wie es in der Nationalhymne heißt, gilt nur »für das deutsche Vaterland!« Insbesondere für Biodeutsche und vor allem diejenigen, welche für deutsche Werte stehen. Damit ist meistens Nationalismus gemeint.

Migranten sind nicht willkommen. Wenn, dann nur, sofern sie Arbeiten übernehmen, die kein Deutscher mehr ausführen will.

Alltag in Deutschland

Besonders, aber nicht nur in Süddeutschland gilt: sei nie freundlich! Wer lächelnd durch die Straßen spaziert, ist geisteskrank. Sag nicht zu oft »bitte« oder »danke«. Versuch nicht, anderen zu helfen. Zivilcourage wird nicht gerne gesehen. Vor allem als Fremdling solltest du nie sagen, dass es dir gut geht. »In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid« sagte schon Arthur Schopenhauer. Wenn du diese Ehre nicht willst, sei faul, unhöflich, strebe nicht eine Karriere an, kauf dir kein teures Auto, baue kein Haus. Für Migranten gilt das besonders. Nach dem Weltbild des Teutonen gibt es keine fleißigen, sparsamen Ausländer. Sie sind kriminell. Der Deutsche hat die Arbeit erfunden, sparsam ist nur die schwäbische Hausfrau.

Pünktlichkeit ist eine Tugend der Krauts. Und eine Legende. Deutsche erwarten vor allem von Anderen Pünktlichkeit, von sich weniger. Die Deutsche Bahn gilt als Vorbild. Selbst unpünktlich, aber wenn die Fahrgäste zu spät kommen, wartet sie nicht.

Sprache

Deutsche sind stolz auf ihre Sprache. Nicht so sehr wie die Franzosen, aber genug, um sich was darauf einzubilden. Wenn Ausländer die Sprache nicht perfekt beherrschen, gelten sie als dumm. Statt langsamer und einfacher zu sprechen, werden Deutsche immer lauter. Damit man sie besser verstehen kann. Sie fallen dabei selbst in ein primitives, falsches Deutsch.

»Du müssen gehen hier.«

Das versteht niemand, aber zumindest raubt man Migranten so die Chance, die Sprache richtig zu lernen.

Regeln und Gesetze

Glückwunsch, du kannst dein Gehirn bei der Überschreitung der Grenze ausschalten! In Deutschland gibt es für alles Regeln und Gesetze. Wir sind sehr gut darin, Vorschriften zu befolgen und Arbeitsanweisungen abzuarbeiten. Als Erfinder der Endlösung gibt es keinen Bereich, der nicht geregelt ist. Das macht uns langsam und unflexibel, aber lieber planmäßiger Stillstand als unplanmäßiger Fortschritt.

Damit die Ordnung befolgt wird, achten wir aufeinander. Denunzieren ist Volkssport. Wie sonst sollen Nachbarn und Freunde die Regeln lernen, wenn man sie nicht anzeigt?

Wir haben gelernt, dass Menschen ohne Abitur, eine entsprechende Ausbildung oder besser Studium nichts können. Es ist einfach nicht möglich, sich selbst Dinge anzueignen, ohne am Ende eine offizielle Prüfung abgelegt zu haben. Und Prüfungen ohne deutsche Normung taugen nichts. Wenn du meinst, irgendwann irgendwo irgendetwas außerhalb von Deutschland gelernt zu haben: Vergiss es! Erst mit deutschen Titeln bist du ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft. Und dafür, dass es dir als Migrant nicht gelingt, sorgen wir schon. Wenn wir dich an der Hautfarbe nicht erkennen, dann am Namen.

Chaos mögen Deutsche nur im Urlaub – und dies bevorzugt im Ausland. Hier benehmen wir uns noch arroganter, anmaßender und abartiger als zuhause. Schließlich wollen wir, wenn wir schon fremden Boden betreten, die Welt nie vergessen lassen, dass die Wehrmacht einst für kurze Zeit die halbe Welt eroberte. Deswegen wirkt deutscher Tourismus heute noch wie Blitzkrieg.

Deutsches Weltbild

An den Regelungen merkt man, dass wir es schlicht mögen. Während wir das eigene Land in 16 Bundesländer, über 300 Landkreise und noch weiter unterteilen, sehen wir die große Welt mit sehr einfachen Augen.

Die Feinde sind vor allem Russen und Chinesen. Wobei man wissen muss, dass es den Russen derzeit nicht gibt. Es ist Putin. Ein Mann, der täglich mindestens tausend Verbrechen begeht und wir uns wundern, wie er das bei einer 35-Stunden-Woche schafft. Bei dem Fleiß könnte man meinen, er hätte deutsche Wurzeln.

Die USA sind bedingungslos die Guten. Sie verwüsteten zum Ende des Zweiten Weltkriegs dieses Land, beuteten Firmen aus, nahmen unsere besten Wissenschaftler und Ingenieure, klauten unsere Erfinden. Aber sie brachten Kaugummis und Schokolade. Sie befreiten uns vom Nationalsozialismus, schützten – zumindest das gute Deutschland – vor dem Kommunismus und brachten uns den Mehrwert des Kapitalismus bei.

Der Rest ist einfach zusammengefasst. In Afrika sind nur Schwarze ohne Bildung. In Südamerika sind alle faul. Asiaten sind klein, gelb und essen den ganzen Tag Reis oder machen Kung Fu. In Australien leben nur Verbrecher und wilde Tiere. Franzosen sind unser Erbfeind, Engländer sind hässlich, können nicht kochen und trinken nur Tee. Südeuropäer liegen ausschließlich faul in der Sonne.

Ein wichtiges Detail ist, dass es Verbrechen nur in der Fremde gibt. In Deutschland gab es vorher nie Kriminalität, Korruption ist hier unbekannt. Und wenn gegen alle Naturgesetze doch ein Fall ans Tageslicht kommt, sind es bedauerliche Einzeltäter, die von dunklen, wahlweise ausländischen oder jüdischen Mächten, verführt wurden.

Wettbewerb

Deutsche lieben den Wettstreit. Sobald sich ein paar mit denselben Interessen finden, gründen sie einen Verein um sich mit anderen Vereinen zu messen. Neben der Arbeit ist ein Klub die beste Methode, um mit Germanen in Kontakt zu kommen. Dabei ist zu beachten, dass nicht nur die Ausübung der namensgebenden Tätigkeit ein Wettstreit ist, sondern alles. Wer den stärkeren Händedruck hat, am meisten essen, trinken, furzen oder am lautesten schreien kann. Wir wollen in allem die Nummer 1 sein, auch im Sport und besonders im Fußball.

Am liebsten sind wir Exportweltmeister. Ein fast so deutsches Wort wie Endlösung, Blitzkrieg und Beschwerdeformular. Was wir exportieren, ist uns egal. Da Sauerkraut im Ausland nicht beliebt ist, tun es auch Waffen. Ja, womöglich haben unsere Kriegswerkzeuge dein Land zerstört. Du musstest fliehen, kommst hier her, um dich beleidigen und bedrohen zu lassen, aber immerhin bist du beim Exportweltmeister gelandet, also hör auf, dich darüber zu beklagen. Wenn du jammern willst, dann über das Wetter, die Gesundheit, Steuern oder einem Nachbarn, der seinen Rasen nicht gemäht hat.

Willkommen!

Du hast nun die wichtigsten Dinge erfahren, um dich hier einzugliedern. Am einfachsten beginnst du mit der schlechten Laune und vergiss nicht, jede Person, die du triffst, auf Fehler hinzuweisen. Am besten so, dass es möglichst viele Menschen erfahren. Du wirst dich dabei nicht wohl fühlen, aber immerhin gehörst du damit zumindest zum Dunstkreis des vollkommensten Volkes der Welt. Und jetzt solltest du endlich arbeiten, statt im Internet herum zu gurken!