Optimieren für Maschinen

Erneut habe ich mir die Nacht mit einer ziemlich sinnlosen Aufgabe herumgeschlagen: Webseitenoptimierung! Sinnlos? Was schreibt der Herr Webentwickler da? Hat er etwa keine Ahnung? Doch, aber auch genug.

Während ich die tausendste Einstellung verändere und die Auswirkungen prüfe, fällt mir eine Aussage ein, die sich ein Kollege und ich uns um die Ohren schlagen: Wir optimieren nur noch für Maschinen. Das Meiste, das wir tun, spielt sich im Millisekundenbereich ab. In der Summe kommen wir bei Geschwindigkeitsoptimierungen auf den Bruchteil einer Sekunde. Mit etwas Glück haben wir sogar eine Sekunde gespart. Laut Angaben von irgendwelchen Tools. Die Seite fühlt sich auf dem realen Bildschirm so schnell oder so langsam an, wie zuvor.

Der Irrsinn vom Wahnsinn befallen

Was ein Unsinn, aber wir tun es dennoch. Das hat mehrere Gründe. Vordergründig hoffen wir, dass die Optimierungen die Positionen bei Suchmaschinen verbessern. Tatsächlich machen wir es zwecks Ego – und weil irgendein Programm eine Zahl ausspuckt, die ab einem gewissen Wert grün ist, nur um damit zu motivieren, die 100 % zu erreichen.

Im Prinzip ist das einfach. Eine HTML-Datei erstellen, <p>Hallo Welt!</p> reinschreiben und schon sind die Tools glücklich. Aber das kann jeder. Hingegen eine Seite zu optimieren, die auf WordPress, Joomla oder einem anderen aufgeblähten CMS mit zahllosen „wichtigen“ Plugins gespickt basiert, da kann schon eine Nacht vergehen. Und am nächsten Tag stellt man fest, dass die Optimierungen nichts taugen, weil wieder irgendeine Funktion nicht mehr ihren Dienst tut. Also wird weiter optimiert, weil ein Tool bei einem wichtigen Wert 1,7 mit orange markiert und es erst ab 1,6 grün wird. Irrsinn pur.

Dieser Wahnsinn hat Methode. Vielen Seiten merkt man an, dass sie nur auf ganz bestimmte Tests angepasst wurden. Die meisten Entwickler sind zufrieden, wenn die Werte bei PageSpeed Insights im grünen Bereich sind. Google ist halt das Maß aller Dinge. Viele dieser Seiten strecken dann bei GTmetrix die Flügel. Da bekommt die Google optimierte Seite nur ein B oder C. Welche praktische Relevanz das hat? Keine! Im Prinzip ist es eine Wissenschaft für sich, die beim nächsten Plugin-Update ihren Wert verliert. Oder bei einem neuen Template. Oder bei einer weiteren Messung. Ja, man kann tatsächlich verschiedene Werte erhalten, obwohl alles gleich ist. Irgendein Server ist gerade ausgelastet, Herr Adipositas sitzt auf der Leitung, der Mond steht ungünstig.

Mangel an Durchblick

Natürlich, wir arbeiten seriös, schon fast wissenschaftlich, aber wenn Herr Heisenberg einen schlechten Tag hat und es Absprachen mit Murphys Gesetzen gibt, dann läuft es halt nicht so. Und je mehr man in das große CMS eingreift und optimiert, desto mehr verzweifelt man. WordPress in der aktuellen Version 5.7.1 wird mit über 2500 Einzeldateien ausgeliefert. Da kann mir niemand erzählen, dass es noch einen Programmierer gibt, der einen kompletten Überblick über den Code hat. Und ich rede nur vom nackten System, damit fängt man ja nichts an. Ein cooles Template muss sein. Dazu die üblichen 20 Plugins für Optimierungen, Sicherheit, noch mehr Optimierungen und etwas Schnickschnack. Und schon hat man einen großen Datenmüll, den man seine eigene Webseite nennt.

Dann gehen die Verbesserungen los. Teilweise durchaus sinnvoll. Passt die Seitenbeschreibung? Keywords? Wissen die Bots auch, was sie tun sollen? Aber ab einem gewissen Punkt wird es geradezu abartig. „79 bei mobilen Geräten? Ich will mindestens 80!“ Selbst den Unterschied zwischen 60 und 90 wird kaum jemand merken. Schon alleine aufgrund der großen Schwankungen bei der Verbindungsqualität. Und wenn die Verbindung sehr gut ist, ist die Seite sogar bei 45 nahezu sofort auf dem Bildschirm.

Früher war alles früher

Früher hat man vor allem Bilder optimiert. Das hat sich gelohnt. Mir hat zwar kein Tool angezeigt, wie gut ich war, aber man hat die Optimierung gespürt. Ladezeit nur noch zehn Sekunden statt einer Minute. Geil! Heute versucht man, irgendwelche Dateien von 1,8 Kilobyte auf 1,2 zu reduzieren, weil es mir ein Werkzeug sagt. Und 0,6 Kilobyte weniger am Tag ersparen bekanntlich das Viagra am Abend.

Man könnte ja damit leben, wenn es nur ein Tool gäbe, selbst wenn es keine Relevanz für die Praxis hat. Doch es gibt tausende. Und so geht halt wieder eine Nacht sinnlos vorbei, aber zumindest stehen die meisten Werte im grünen Bereich, obwohl es niemand bemerkt. Bin mir sicher, dass ich das nächste Wochenende ebenfalls mit denselben Aufgaben mir um die Ohren schlage. Eine andere Webseite, dieselben Probleme.

„Los Sven, die paar Kilobyte schaffst Du noch!“

Notiz an mich selbst: Einen Blogbeitrag schreiben, in dem es darum geht, dass ich Texte auch nur noch für Suchmaschinen optimiere.