Digitaler Chancentod

Die Corona Pandemie offenbart in analogen und digitalen Bereichen schonungslos alle Probleme. Seit mehr als 15 Monaten baden die Bürger sowohl die strategischen Fehlentscheidungen der letzten 40 Jahre sowie die generelle Inkompetenz von aktuellen Entscheidungsträgern aus.

Die Lage der Nation

Verunsicherung und Verärgerung sind nur zwei Substantive, mit denen sich die gegenwärtige Situation beschreiben lässt. Das ifo-Institut beschreibt es mit „Unzufriedenheit“ und hat im aktuellen Ökonomenpanel die Volkswirte im Fokus [1]. Bei den 177 Teilnehmern äußerten sich 27 % „eher unzufrieden“ und 20 % „sehr unzufrieden“. Dennoch ist die Stimmung, im internationalen Vergleich, relativ positiv [2]. Während in den USA, Großbritannien und Frankreich zwei Drittel der Menschen der Meinung sind, ihr Leben hätte sich durch die Pandemie verändert, trifft das in Deutschland nur auf 52 % zu. Wie repräsentativ dies bei lediglich 4069 befragten Personen in vier Ländern ist, darf bezweifelt werden.

Wenn man sich mit öffentlichen Zahlen befasst, wird recht schnell ein Kernproblem deutlich: Im Prinzip wissen wir nichts. Die Medienlandschaft ist voller Desinformation und Nebelkerzen. Dabei sickert immer mehr durch, dass besonders in den sog. Leitmedien ein einheitliches Narrativ vorherrscht [3]. „Die offiziellen Daten und Fakten der Regierungen stimmen, sofern sie nicht aus China und Russland stammen. Die Maßnahmen sind alle angemessen und notwendig. Niemand hat Schuld, Fehler sind menschlich und wenn wir uns irren, konnte es keiner besser wissen.“ Und um jegliche Nörgelei im Keim zu ersticken, werden Kritiker, darunter einschlägige Experten, Demonstranten, Journalisten, Juristen und viele andere aufs Übelste verunglimpft und in die rechte Ecke gestellt. Folgt man diesen Medien, entsteht der Eindruck, in einem Land voller Nazis und geistig minderbemittelten zu leben. Davor schützt auch kein Doktortitel. Um dies zu untermauern, werden medial die 1% gezeigt, auf die das tatsächlich zutrifft.

Das Ganze gipfelt in einer Meinungsdiktatur, die über soziale Netzwerke, vorwiegend Twitter und Facebook, ausgetragen wird. Durch die Berichterstattung wird eine relevante Masse auf Linie gebracht, die kollektiv alles angreift, was dem o. g. Narrativ widerspricht. Dies betrifft private Meinungen ebenso wie Untersuchungen, deren Ergebnisse oder Deutung selbiger von regierungsnahen Wissenschaftlern abweichen. Es zeigt sich, dass besonders in Krisenzeiten die sonst so hochgelobte Meinungsfreiheit und die Neutralität der Wissenschaft weniger wert sind als das zeitweise so knappe Toilettenpapier im Supermarkt, obwohl der Verwendungszweck mittlerweile identisch ist.

Der Scherbenhaufen

An Erkenntnissen sollte es nicht mangeln. Deutlicher als je zuvor wird klar, dass in unseren Breitengraden selbst in solch einer Krise gerade die wirklich systemrelevanten Personen nichts wert sind. Andererseits werden die für das tägliche Leben unwichtigsten Menschen, etwa Fußballspieler, weiterhin gefeiert. Und wir werden wie bisher von der Illusion beherrscht, dass sich die Wichtigkeit der Menschen am Jahresgehalt orientiert.

Was hat sich, allgemein betrachtet, am Gesundheitssystem, Bildungssystem und dem digitalen Ausbau verbessert? Gibt es gute, glaubwürdige Konzepte, die in absehbarer Zeit realisiert werden? Die Probleme, deren Nennung den Rahmen dieses Artikels sprengen würden, sind alle bekannt, aber es entsteht kein ausreichend öffentlicher Druck, um sie nachhaltig zu beheben. Stattdessen herrschen Furcht und Verunsicherung, wie mir im privaten Umfeld mitgeteilt wird. Erst kürzlich gestand mir ein Freund, dass er am Arbeitsplatz nicht mehr seine Meinung äußern will, weil er Angst habe, entlassen zu werden. Und das nicht in einem Krankenhaus, in der Forschung oder in der Presse, sondern in einem Logistikzentrum, bei der es darum geht, Ware von A nach B zu transportieren.

Das unser Gesundheitssystem noch halbwegs funktioniert liegt vor allem am Umstand, dass es die neoliberalen Kräfte in Deutschland nicht rechtzeitig geschafft haben, es völlig zu zerschlagen und zu privatisieren. Da seit Jahrzehnten in der deutschen Politik Opportunismus vorherrscht, ist davon auszugehen, dass dieser Trend nach der Krise schonungslos weitergeht und der Sozialstaat, soweit vorhanden, fortwährend abgebaut wird.

Ein weiteres, zentrales Thema unserer Tage ist die sogenannte Digitalisierung. Statt eine solide Infrastruktur aufzubauen, anstelle in Bildung zu investieren und eine positive Stimmung zu schaffen, wurde seit der Kohl-Ära sehr viel dafür getan, dass Deutschland im IT-Bereich einem Entwicklungsland gleicht. Seit mehr als 20 Jahren beklagen sich die ländlichen Gebiete über den langsamen Internetzugang. Und dort, wo es der Internetanbieter garantiert, hält die gute Verbindung, für die im internationalen Vergleich sehr viel Geld bezahlt werden muss, von zwölf bis Mittag [4]. Der Autor dieser Zeilen weiß davon zu berichten.

Neben der teils miserablen Infrastruktur herrscht gegenüber Computertechnik seit den 1980er Jahren ein äußerst negatives Klima. Schon damals wurde die Sorge verbreitet, Computer würden uns alle arbeitslos machen [5]. Dies gilt zwar insbesondere für Deutschland, zeigt sich aber auch in der westlichen Unterhaltungsindustrie wie den großen Blockbustern auf der Leinwand. Jährlich erscheinen dutzende Filme und Serien, in denen Maschinen, besonders KI gesteuert, eine apokalyptische Dystopie verursachen.

Oberflächlich betrachtet sind mittlerweile fast alle Menschen mit dem Internet verbunden und besonders Jugendliche, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind, erscheinen als wahre Experten. Tatsächlich handelt es sich um Konsumenten, die teilweise mit Fachbegriffen um sich werfen, aber nicht wissen was es damit auf sich hat und wie die Dinge funktionieren. Die heute gängige Meinung, man müsse in digitalen Bereichen nicht unterrichten, weil Kinder hiermit aufwachsen würden und bereits mehr wüssten, als die Lehrer, stimmt nur zum Teil. Mit Sicherheit haben viele Jugendliche eher Ahnung als das Lehrpersonal, dies wirkt bei näherer Betrachtung aber wie ein Vergleich zwischen zwei Nichtschwimmern, bei denen sich einer fünf Minuten länger über Wasser halten kann.

Noch immer hängen Menschen, die sich mit Computern und Software sehr gut auskennen, in einer meidenswerten Subkultur fest. Sie sind, im Beruf und privat, bei Problemen erwünscht, aber niemand, den man gerne zum Geburtstag einlädt. Selbst Computerspiele werden in der öffentlichen Wahrnehmung nur dann positiv gesehen, wenn es um die Milliarden Gewinne der Unternehmen geht. Ansonsten wird das kulturelle Phänomen entweder ignoriert, oder für Amokläufe sowie psychische Störungen verantwortlich gemacht. In letzter Zeit gilt es medial sogar als Hort für Sexismus.

Die Folgen? Hierzulande werden viele Innovationen im Keim erstickt, da es oft schon an der Finanzierung scheitert. Das Höchste der Gefühle sind praktische Anwendungen, die den Charme einer Tabellenkalkulation nicht übersteigen dürfen. Alle Anderen wandern ab. Sei es aufgrund von Finanzen, Perspektiven, zu hohen Kosten oder einer sehr schlechten Internetanbindung [6] [7].

Prinzip Hoffnung

Im internationalen Vergleich wirkt Deutschland oft so, als wolle es mit einem Tretauto bei einem Wettrennen gegen Sportwagen antreten [8] [9]. Dies betrifft weite Teile der IT-Branche ebenso wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Bildungssystem u. v. m. Von Prestigeprojekten wie einem Flughafen oder einem unterirdischen Bahnhof möchte ich nicht einmal anfangen. Dennoch gibt es Dinge, die Hoffnung machen. Bspw. Talente, die nicht abwandern und versuchen, trotz aller Widerstände etwas zu erschaffen. Und dann ist da noch der Mittelstand, der sich, wie Großkonzerne, im harten internationalen Wettbewerb befindet und mit innovativen, zukunftsgerichteten Ideen ums Überleben kämpft.

Viele Veränderungen beginnen unscheinbar und mit kleinen Schritten. Seit Jahren wird immer mehr in digitale Strukturen in den Unternehmen investiert. Man hat erkannt, welche Vorteile eine lückenlose, digitale Dokumentation hat. Dies betrifft Produktionsdaten, Arbeitsanweisungen und Schulungen gleichermaßen.

Der Mittelstand kann es sich nicht leisten, auf die Politik zu warten. Er kann nicht hoffen, dass Berufsschulen finanziell stärker unterstützt werden und sich die Probleme von alleine lösen. Es wird gehandelt. Etwa durch bessere Ausrüstung für Azubis und Investition in digitales Schulungsmaterial wie Onlinekurse. Selbst Schulungen zum Thema Arbeitssicherheit werden immer häufiger online durchgeführt.

Firmen sind mittlerweile bereit, für gute digitale Inhalte Geld zu bezahlen. Onlinekurse werden ernst genommen, Homeoffice ist kein Synonym mehr für bezahlten Urlaub. Der Mittelstand – nicht die Politik – ist derzeit die treibende Kraft für entsprechende Veränderungen. Hier wird erkannt, dass gute Inhalte Geld kosten und man nicht alles mit kostenlosen Videos auf YouTube kompensieren kann. Und die wenigen Unternehmen, die das nicht verstanden haben, wird es bald nicht mehr geben.

Quellen

[1] https://www.leuze-verlag.de/fachzeitschriften/galvanotechnik/item/4125-unzufriedenheit-mit-der-corona-wirtschaftspolitik

[2] https://www.welt.de/politik/ausland/article225619883/Umfrageergebnisse-zur-Corona-Krise-Deutsche-optimistisch.html

[3] https://clubderklarenworte.de/framing-in-den-leitmedien/

[4] https://www.youtube.com/watch?v=WDNYS_4dkAc

[5] https://youtu.be/4e83jB1Sk8M

[6] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157440/umfrage/auswanderung-aus-deutschland/

[7] https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.98691.de/diw_sp0193.pdf

[8] https://www.dslregional.de/news/preise-internetanschluesse-weltweit/#preis-fuer-breitband-internet-deutschland-auf-platz-53

[9] https://www.heise.de/newsticker/meldung/Deutsche-Programmierer-im-internationalen-Vergleich-nur-im-Mittelfeld-3313374.html